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Rezension: Vollendete Baukunst von Volker Gerisch

von

Volker Gerisch: Sunset

Modellbau – Kunst

Wenn man beinahe fassungslos den Perfektionismus verfolgt, den Volker Gerisch bei seinen Bauten und Gleisen an den Tag legt, wird deutlich, dass es hier nicht nur um Modellbau vom Allerfeinsten handelt. Es ist mehr. Denn Gerisch ist bildender Künstler und hat daher einen umfassenderen Zugang zu seinem Objekt als die meisten von uns Modellbahnern, die sich gelegentlich auch als Modellbauer versuchen.

Er ist in der Lage, einen durch das Vorbild inspirierten Mikrokosmos zu schaffen wie Quiet Earth, ein Ausschnitt aus dem Leben der meterspurigen Plettenberger Kleinbahn. Es ist ein zweiteiliges Kunst-Stück, das nur aus einer Weiche und wenigen Gleisen vor einem angeschnittenen Firmengebäude besteht, welches vom Postamt in Plettenberg inspiriert wurde. Es braucht keine Fahrzeuge und keine Figuren, um dieses auch auf der Intermodellbau in Dortmund gezeigte Diorama zum Leben zu erwecken. Die äußerst akribische Darstellung, erkennbar in den 1950er Jahren angesiedelt, entfaltet durch ihre pure Qualität, die weit über der anderer Modellbauer liegt, eine fast suggestive Ausstrahlung mit Wiedererkennungswert.

Natürlich braucht niemand die Rollen unter dem Sitz des Pförtners, der außerdem gefedert ist und eine verschiebbare Rückenlehne hat. Doch diese Besessenheit, ein altes Vorbild von Stuhl zu erkunden, zu begreifen und dann sehr, sehr nah an der maßstäblichen Verkleinerung zu realisieren und zu wissen, dass das Modell tatsächlich funktioniert: Dies zu wollen und auch umzusetzen, macht den Unterschied zu allem bisher Dagewesenen aus.

Gerisch geht aber noch weiter: Durch die Fotografie taucht er in seine Modelle ein, überprüft und korrigiert sie – eine Erkenntnis, die ich ebenfalls beim Fotografieren von Modellen gewonnen habe und in spur1info zu vermitteln versuche. Fotos legen gnadenlos offen, was das bloße Auge nicht erkennt, auch nicht mit der Lupe. Wie gut ein Modell wirklich gelungen ist, erkennt man nur auf Bildern eines Fotografen.

Die Qualität seiner Gebäude und nachempfundenen Realitäten ist so hoch, dass Gerisch immer wieder auf Ausstellungen erlebt, dass seine Fotos als Vorbildfotos wahrgenommen werden. „Aha, Sie haben das auf dem Foto genau nachgebaut“, glauben manche zu erkennen, doch tatsächlich ist es umgekehrt. Gerisch nutzt das Sonnenlicht für seine Fotografien. Das erzeugt einen echten Raumeindruck und ein besseres Licht, als man es allgemein in Eisenbahnzeitschriften sieht, wo sich die Spannweite der Beleuchtung zwischen oranger Nachttischlampe, grünlicher Neonröhre, lila LED-Raster im Bild und frontalem Blitz bewegt.

Gerischs Fotos sind pure Kunst wie seine Bauten, man kann sie in kleinster Auflage kaufen. Es sind von Vorbildern inspirierte und zum Teil nach Vorbildern gebaute Räume, natürlich beleuchtet (auch mit den eingebauten Kleinst-Lampen nach Vorbild) und meisterhaft fotografiert. In ihrer Gesamtheit nicht weniger als ein Kunstwerk aus der Galerie oder einem Kunstmuseum.

Das beschreibt auch „Uncle“ Russ Reinberg in seinem Vorwort zu dem gewichtigen Buch. Denn in seinem Finescale Railroader und dem Modeler’s Annual präsentierte Reinberg Gerischs Modellbau und den anderer Können aus aller Welt. Wer diese Zeitschriften abonniert hatte, erkannte schnell, dass es Modellbau jenseits von Faller-Bausätzen, gelaserten MDF-Platten und mit braungrauer Soße übergossenen „patinierten“ Gebäuden und Fahrzeugen gab. Man begriff, dass nicht nur eine Grundidee für ein Diorama dazugehörte, an dem man jahrelang baute, sondern auch die genaue Recherche, die zeitliche Einordnung, der Verlauf von schmutzigem Wasser auf den Wänden, die Spuren von Wind und Wetter, ja auch die beabsichtigte Stimmung und die Jahreszeit in das Modell einfließen sollten. Von den verschiedenen Techniken, die man zur Erreichung des Ziels benötigte, einmal abgesehen.

Gerisch nutzt alle nur denkbaren und nutzbaren Techniken, Werkzeuge und Materialien, von der Malkreide über Papier, Sekundenkleber bis zum 3D-Druck, selbst entwickelten Ätzteilen und Feinguss auf Juwelierniveau. Die Schritte zum Ziel, aber auch die Irrwege und Umwege, beschreibt er in seinem Buch mit vielen Bildern. Das zeigt nicht nur sein Projekt Quiet Earth, sondern auch das ebenso sensationelle Haus Lohmann aus A Snapshot in Time mit einer kompletten Inneneinrichtung im Stil der 1950er Jahre, den Gleisbau mit funktionsfähigen Details und einer Patinierung zum Niederknien, außerdem die Planung und den Bau der benachbarten genieteten Brücke aus Blech. Es ist auch eine Form von Heimatkunde und Erhaltung der längst verschwundenen Bauten und Infrastruktur im Modell.

Wer sollte das Buch kaufen, das einen auf den ersten Blick durch seine Fülle von Bildern und Informationen erschlägt? Sie sollten es kaufen, wenn Sie Quiet Earth schon einmal auf einer Messe gesehen haben, um die Gedankenwelt dahinter zu erfassen und noch einmal genauer hinzugucken. Wenn Sie als Modellbauer einen gewissen Perfektionismus bewundern und selbst verfolgen, werden Sie viele Anregungen und regelrechte Basteltipps finden, gelegentlich auf Lieferanten und potenzielle Helfer für Ihre Projekte. Sie werden lernen, dass kein Aufwand zu hoch ist für einen Perfektionisten, auch wenn Sie vielleicht nie soweit gehen würden.

Modellbahner mit Anspruch können mit diesem Buch von einem ganz großen Könner lernen, viel genauer hinzusehen und die eigenen Fähigkeiten zu erweitern. Nicht zuletzt ist es auch ein Kunstbuch, das ausführliche Blicke hinter die Kulissen erlaubt. Die Bilder werden auch Menschen beeindrucken, die bisher nichts für Modellbau übrig hatten oder glaubten, dass wir alle nur „mit der Eisenbahn spielen“. Das tun viele und das ist auch legitim, doch ein paar der Spur-1-Kunden haben sich schon etwas weiter bewegt. Sie werden das sorgfältig layoutete Buch zu schätzen wissen.

Volker Gerisch, Vollendete Baukunst, 10 Einblicke in 2 Projekte, 192 Seiten mit ca. 750 Abbildungen, 22,8 cm x 29,6 cm, Geramond, ISBN 9783964532961, 49,99 €.

Geramond

Volker Gerisch

Foto: Friedhelm Weidelich

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